Wilde Zeiten

  • Franz Ulbrich
    © Meininger Museen

Mit drei Werken des literarischen Expressionismus, Ernst Tollers HINKEMANN, Franz Kafkas VERWANDLUNG und Carl Sternheims DIE KASSETTE, legte das Schauspiel in der aktuellen Spielzeit einen Schwerpunkt auf diese Strömung der Moderne, die sich vor hundert Jahren in allen Künsten niederschlug – so auch im Theater. Über die Geschichte des Meininger Theaters zur Zeit des Expressionismus ist bisher wenig bekannt, dabei handelt es sich um äußerst spannende und produktive Jahre. Die zusammen mit den Meininger Museen konzipierte Ausstellung WILDE ZEITEN – EXPRESSIONISMUS AM MEININGER THEATER ermöglicht erstmals einen Einblick in diese Zeit des Meininger Theaters. Ursprünglich sollte sie pünktlich zur Matinee der KASSETTE in der Alten Dramaturgie im Großen Haus eröffnen – aufgrund der Corona-Pandemie verschieben sich die Ausstellungseröffnung sowie die Premiere der KASSETTE jedoch auf die nächste Spielzeit. Bis dahin können Sie hier eine kleine Auswahl der Exponate betrachten und sich weiter über den Expressionismus in der darstellenden Kunst und die wilde Meininger Zeit informieren.

Expressionismus im Theater

Niemand Geringeres als Max Reinhardt, der durch die Gründung des als experimentierfreudig geltenden Theatervereins „Das junge Deutschland“ (der Name sollte sich als Programm erweisen) verhalf dem zeitgenössisch-modernen, also expressionistischen Drama maßgeblich zum Erfolg. Bis 1920 sollte eine Vielzahl junger Dramatiker durch das Wirken dieses Vereins und deren erfolgreiche Inszenierungen Berühmtheit erlangen und auch an anderen deutschen Theatern stark rezipiert werden. Neben Reinhardt (als Intendant und Regisseur) waren es vor allem Leopold Jessner, Adolphe Appia und Emil Pirchan, die sich um eine expressionistische, also antitraditionalistische Aufführungspraxis bemühten und neben Werken junger Autoren und Autorinnen auch Klassiker, der neuen Ästhetik folgend, aufführten. Die expressionistische Bühnenästhetik zeichnet sich durch eine äußerste Reduktion des Bühnenraumes aus, auf die Suggestion einer Illusion wird nahezu komplett verzichtet, historisch genaue Kulissen werden durch praktikabel einsetzbare Bauteile ersetzt. Die Farbgebung der Bühne orientiert sich nicht mehr an einer naturalistischen Realität, sondern weißt durch ihre Gestalt und Form auf den Charakter der in ihr agierenden Figuren hin. Eine, auch durch den nun flächendeckenden Einsatz von elektrischer Beleuchtung, überbordende Lichtregie unterstützt die Wirkung der Farbgestaltung vielfältig. Aus dem naturalistisch geprägten Eindruck des Äußeren wird im expressionistischen Theater ein Ausdruck des Erinnerns, der dem Publikum nicht verborgen bleiben konnte.

Expressionismus am Meininger Theater

Die Jahre zwischen 1916 und 1924 sind eine spannende Zeit in der Geschichte des Meininger Theaters. Es war die Zeit des Ersten Weltkriegs, des Versailler Vertrags, der Etablierung des zweiten demokratischen Experiments auf deutschem Boden, der „Weimarer Republik“ und es war die Zeit des Expressionismus auf der Theaterbühne – auch in Meiningen. Untrennbar ist diese Zeit mit dem Namen Franz Ulbrich verbunden, als Dramaturg 1915 ans Haus geholt, 1919 als Nachfolger Otto Osmarrs zum Intendant geworden, erlebt das Theater unter ihm eine Blütezeit. Es wurden Stücke der literarischen Moderne gespielt und Ulbrich gab vor allem den Expressionisten eine Bühne bzw. mit der Gründung der Kammerspiele sogar zwei Bühnen. Carl Sternheim, Anton Wildgans, besonders aber Walter Hasenclever und Georg Kaiser wurden rezipiert. So wurden im Frühjahr 1923 nahezu Kaiser-Festspiele veranstaltet: In rascher Folge standen DIE KORALLE, GAS I und GAS II auf dem Spielplan. Die Theaterleitung um Ulbrich machte aber auch durch andere Projekte auf sich aufmerksam, so wurde eine literarische Gesellschaft gegründet, die sogenannte „Literarische Morgenfeier“ im Großen Haus veranstaltete. An einem Sonntagmorgen stellten sich Dramatiker mit Lesungen aus eigenen Werken oder Kommentaren vor – und in ihrer Anwesenheit kam eines ihrer Dramen am Abend zur Premiere. Als offizielles Publikationsmedium des Theaters fungierten zu dieser Zeit die „Dramaturgischen Blätter“, sie erschienen sechsmal pro Spielzeit. In den Heften sind, meist mit Originalbeiträgen, die Größen der damaligen deutschsprachigen Theaterwelt vertreten. Ebenso wichtig erwies sich die Gründung einer Schauspielschule am Meininger Theater. An der „Hochschule für Schauspielkunst“ wurden zwischen 1919 und 1925 angehende Schauspieler*innen, meist in sehr kleinen Gruppen, von in Meiningen engagierten Kräften unterrichtet. Bekanntester Absolvent ist der spätere Meininger Intendant und heutiges Ehrenmitglied Fritz Diez gewesen.